Text:  Meike Melanšek  •   Veröffentlicht: 28.05.2025 10:55   •   Lesedauer: 5,5 Min.

Ein Strich zu viel?

Warum der Gedankenstrich plötzlich verdächtig wirkt und wie du KI-Texte wieder menschlicher machst

KI-SYMBOLBILD Der Gedankenstrich hat auch viele Freunde.
Der Gedankenstrich hat auch viele Freunde.
Der Gedankenstrich steckt in der DNA der KI und lässt sich nicht so leicht entfernen.
Der Gedankenstrich steckt in der DNA der KI und lässt sich nicht so leicht entfernen.

Es ist schon kurios: Jahrelang galt der Gedankenstrich als elegantes Stilmittel, mit dem man Gedanken verbindet, Pausen schafft und dem Text einen gewissen Rhythmus verleiht. Heute reicht er in vielen Fällen schon aus, um als „Beweis“ für einen KI-generierten Text zu gelten. Warum eigentlich?

Der Grund ist simpel – und ein bisschen traurig: Künstliche Intelligenz, insbesondere ChatGPT, liebt den Gedankenstrich. So sehr, dass er inflationär in KI-Texten auftaucht. Wo ein Mensch vielleicht ein Komma oder einen Punkt setzen würde, entscheidet sich die KI auffällig oft für den Gedankenstrich. Das Ergebnis: überrhythmisierte Sätze mit auffälligen Einschüben.

Journalisten, die mit der Zeit gehen, verzichten inzwischen teilweise auf den Gedankenstrich, obwohl sie ihn stilistisch schätzen. Aus Angst, der Text könnte sonst „verdächtig“ wirken. Ein Paradebeispiel dafür, wie KI unsere Sprache nicht nur prägt, sondern auch unsere Wahrnehmung von guter Sprache verändert.

Woran man KI-Texte erkennt – abgesehen vom Gedankenstrich

Der Gedankenstrich ist nur eines von vielen Signalen. Geübte Leserinnen und Leser merken das oft sofort. Hier die häufigsten Merkmale:

  1. Überstrukturierung durch zu viele Zwischenüberschriften
    KI-Texte wirken oft wie aus dem Baukasten: Zwischenüberschriften im Übermaß, selbst wenn der Text kaum Inhalte für echte Kapitel hergibt. Das Auge springt, aber der Lesefluss fehlt.
  2. Allgemeine Einleitungsphrasen
    KI liebt den großen, bedeutungsschwangeren Einstieg. Doch wer mit „In der heutigen Zeit…“ oder „Immer mehr Menschen fragen sich…“ beginnt, liefert meist keine Substanz. Statt Kontext gibt es Nebel.
  3. Unnatürliche oder schräge Metaphern
    KI-Texte greifen oft zu Bildern, die zwar grammatikalisch korrekt sind, aber irgendwie seltsam klingen. Formulierungen wie „der Ideenfluss sprudelt wie ein Vulkan im Winterschlaf“ oder „wie ein Algorithmus auf Liebeskummer“ wirken irgendwie schräg oder überkonstruiert. Sie stören eher, als dass sie bereichern, weil sie nicht aus echter Sprachpraxis stammen.
  4. Der Drei-Schritte-Stil
    Was es ist, wie es geht und warum du es unbedingt brauchst. Dieser Aufbau wirkt zunächst strukturiert, lässt aber oft Tiefe vermissen.
  5. Wiederholungen und Redundanzen
    KI liebt Sicherheit und wiederholt gern, was schon gesagt wurde. Absätze klingen dadurch oft wie Aufgüsse vorheriger Sätze.
  6. Typische Trigger-Wörter
    Begriffe wie „Entdecke, „Erfahre, „Erstelle“ wirken modern, aber in der Häufung verräterisch. Sie klingen nach Werbung und KI zugleich.
  7. Zu perfekt, zu brav
    Grammatikalisch makellos, strukturell vorbildlich, aber eben auch: langweilig. Es fehlt die Reibung, die Haltung, die persönliche Handschrift.
  8. Listen ohne roten Faden
    Wenn ein Text fast nur aus Bulletpoints besteht, fehlt oft das, was gute Texte ausmacht: Übergänge, Entwicklung, Spannung. KI strukturiert lieber, als dass sie erzählt.
  9. Zu viel Freundlichkeit
    KI-Texte neigen zur Schleimerei. Leser werden überbetont umsorgt, gesiezt, gelobt und merken irgendwann: Da schreibt jemand ohne echte Emotion.

Gibt es ein „Wasserzeichen“ in ChatGPT-Texten?

Immer wieder geistert die Idee durch den Raum, KI-Texte seien anhand unsichtbarer Merkmale im Code erkennbar, wie ein digitales Wasserzeichen. 

Die Rede ist von unsichtbaren Unicode-Zeichen, z. B. sogenannten Soft Hyphens (weiche Trennzeichen) oder auch speziellen Leerzeichen, die nicht umbrechen. 

Fakt ist: In aktuellen Versionen von ChatGPT (Stand Mai 2025) konnten wir solche Zeichen nicht mehr nachweisen. OpenAI hat offensichtlich bewusst Ausgabefilter eingebaut, um diese "verräterischen Codes" zu entfernen.

Aber auch, wenn Sie noch enthalten wären, mit speziellen Tools lassen sich diese Zeichen sichtbar machen und entfernen. Und auch wenn sie in Texten enthalten sind, sie sind nicht zuverlässig als eindeutiger Beweis nutzbar, höchstens als technisches Indiz.

Viel wichtiger ist ohnehin das, was man sieht: Sprache, Ton, Aufbau. Wer typische KI-Stile vermeidet, muss sich um Soft Hyphens keine Sorgen machen.

Wie du mit dem richtigen Prompt zu besseren Texten kommst

Wer Texte mit ChatGPT schreibt, kann vieles falsch machen, aber auch vieles richtig. Der folgende Prompt funktioniert am besten, wenn du ihn an eine konkrete Aufgabenstellung anhängst, also zum Beispiel an einen Schreibauftrag wie:

Schreibe einen Blogartikel über [Thema], der sich an [Zielgruppe] richtet. Er soll informativ und unterhaltsam sein und einen persönlichen Ton treffen.

Dann kannst du diesen Stilprompt ergänzen:

Stilprompt für natürlich und menschlich klingende Texte:

Schreibe diesen Text so, als hätte ihn eine echte Person geschrieben, mit Haltung, Charakter und lebendigem Sprachfluss. Keine Floskeln wie "In der heutigen Zeit ..." oder "Eine Vielzahl von ...". 

Verwende Stilmittel wie Gedankenstriche oder Metaphern nur gezielt und sparsam. Verwende maximal 2 Gedankenstriche im gesamten Text. Der Text soll nicht lehrbuchartig wirken, sondern abwechslungsreich, pointiert und natürlich klingen. Vermeide Wiederholungen, weichgespülte Aussagen, übertriebene Freundlichkeit und eine überstrukturierte Gliederung mit vielen Zwischenüberschriften. Nutze eine klare, aktive Sprache mit alltäglichen Begriffen. Vermeide typische KI-Übergänge wie "Zusammenfassend lässt sich sagen" oder "Insgesamt ist festzuhalten". Sprich die Lesenden direkt an, aber in natürlichem, menschlichem Ton.

Zwei Prompts gegen Gedankenstrich-Overkill:

(Konsequent)

Vermeide Gedankenstriche konsequent. Ersetze sie vollständig durch Kommas, Punkte oder Klammern. Verwende in diesem Text keinen einzigen Gedankenstrich, auch nicht bei Einschüben. Schreibe natürlich, klar und menschlich. Keine künstlichen Pausen. Kein typischer KI-Rhythmus. Kein Gedankenstrich. Punkt.

(Soft)

Bitte verwende in diesem Text höchstens einen Gedankenstrich und nur, wenn er stilistisch absolut notwendig ist. Vermeide ihn ansonsten vollständig. Nutze stattdessen Kommas oder Punkte. Der Text soll menschlich und nicht maschinell wirken.

Kleiner Reality-Check

Auch mit diesen Prompts braucht’s oft noch ein prüfendes Auge. Gerade GPT-4o liebt Gedankenstriche fast so sehr wie ich meinen Matcha Latte am Morgen. Selbst wenn du sie verbietest, können trotzdem welche durchrutschen, besonders bei längeren Texten oder indirekten Einschüben. Die KI zählt sie nicht immer zuverlässig und ignoriert Anweisungen gelegentlich einfach.

Mein Tipp:

Nutze die Prompts als solide Basis, um den Stil klarer und natürlicher zu machen. Aber verlasse dich nicht blind darauf. Ein manueller Check bleibt wichtig.

Und noch was: Gedankenstriche sind nicht per se schlecht. Im Gegenteil, eigentlich sind sie eine ziemlich elegante Erfindung. Wir sollten sie nicht grundsätzlich verdammen, nur eben bewusster einsetzen und auf die Dosierung achten. Denn die Übertreibung ist es, die uns auch von einem ansonsten guten Text entfremdet.

Fazit

Texte mit KI zu schreiben, ist nicht nur legitim. In den meisten Fällen ist es auch effizient, zeitsparend und kreativitätsfördernd. Aber Achtung: Copy & Paste allein reicht nicht! Wer will, dass ein Text wirkt, muss ihm den letzten Schliff verpassen. Der Aufbau und auch der erste Entwurf, all das darf gerne von der KI kommen. Doch dann musst auch du ran, denn die finale Version braucht deinen Blick, deine Stimme, deinen Stil. Genau darin liegt der Unterschied.


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